Wahlplakate sind ein wichtiges Werkzeug zur politischen Information vor politischen Abstimmungen. In Deutschland geben sie den Parteien eine anlassgebundene Möglichkeit, über ihr Programm zu informieren. Doch Kommunikation will gelernt sein, Werbung erst recht, und so kann es vorkommen, dass die besten Absichten auf dem Papier plötzlich etwas unglücklich wirken. Die 5 schlimmsten Ausrutscher aus der Europawahl 2009 habe ich hier zusammengestellt.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Die 5 schlechtesten Wahlplakate zur Europawahl 2009

Ich will hier nicht auf die politischen Inhalten eingehen - sie haben sicherlich alle ihre Berechtigung, und jeder muss sich darüber selber seine Meinung bilden (und am besten am 7. Juni in der Wahlkabine zum Ausdruck bringen). Ich stehe persönlich einigen der Parteien, deren Plakate im Folgenden besprochen werden, recht nahe, und kann mich mit ihren Aussagen identifizieren. Kurz: dies ist keine politische Polemik, sondern eine handwerkliche Analyse der amüsantesten Ausrutscher in der Ansprache der Wähler.

Es ist kein Zufall, dass die großen, etablierten Parteien hier kaum vorkommen. Sie haben oftmals das nötige Budget für fachkundige Profis, die sie beraten, und die Erfahrung, die schlimmsten Fehler nicht noch einmal zu machen. Zudem verfügen sie über einen Bekanntheitsvorsprung, und müssen nicht auf Teufel-komm-raus ihre Message verkündigen. In den meisten Fällen haben Sie ein bekanntes Gesicht vor Ort zu präsentieren, was dann nach der langweiligen aber sicheren Masche "Peter Mustermann - für Ihren Wahlkreis in Europa" geschieht.

Soviel zur Vorrede. Nun zur Top 5 der schlechtesten Wahlplakate zur Europawahl 2009.

Platz 5 - ÖDP "Leben und Leben lassen"
Mit der Bild-Text-Schere geschnitten.
Von einer Bild-Text-Schere (oder Ton-Bild-Schere) spricht man, wenn Bild und Text zwei gegensätzliche Aussagen haben. Das kann sehr störend sein, weil der Zuschauer oder Leser nicht entscheiden kann, was denn nun gemeint ist.

Die ÖDP, die sonst gerne mit ihrem "Reißnagel"-Plakat wirbt, hat sich hier zu diesem Fehler hinreißen lassen. Nein, ein Verbotsschild passt nicht zu "Leben und leben lassen", auch wenn beim zweimaligen Nachdenken der Zusammenhang logisch ist. Dass sich im Wort "Nichtraucherschutz" noch ein geistiger Stolperstein verbirgt, hilft der Sache nicht gerade. Sollen hier Raucher nicht geschützt werden? Das würde zu dem Verbotsschild passen. Raucher raus! Die ÖDP vergrault hier mit ihrem sicherlich fair gemeinten Anliegen potentielle Wähler - 27 Prozent sogar. Das qualifiziert für Platz 5 auf der Liste der schlechtesten Wahlplakate.





Platz 4 - FDP "Hans-Dietrich Genscher"

Zurück in die Zukunft.
Hans-Dietrich Genscher ist einer der Helden der Deutschen Wiedervereinigung, ein angesehener Staatsmann und eine Vorbildfigur. Gut für die FDP, dass sie mit diesem politischen Schwergewicht werben kann.
Nur zu dumm, dass sie es so ungeschickt anstellt. Genscher, so werden sich die meisten erinnern, trat 1992 aus dem Kabinett aus und beendete seine Abgeordnetenlaufbahn 1998, also vor mehr als zehn Jahren. Viele Neuwähler 2009 kennen ihn nur aus dem Geschichtsbuch.
Dieses Urgestein der deutschen Politik soll nun also die Zukunft Europas darstellen? So jedenfalls stellt es die FDP dar. Dabei wollen wir von Genscher ganz anderes hören - wie war das damals in der Prager Botschaft, und was hat er beim Fall der Mauer empfunden? Aber "Die Vergangenheit Europas" macht sich eben auf einem Wahlplakat nicht so gut. Deswegen Platz 4 für die FDP für ihren ruppigen Umgang mit ihrer Grauen Eminenz.



Platz 3 - Familien-Partei "Das Eis ist dünn"
Unfreiwillige Hilfe für die Konkurrenz.
Ohh, wie knuffig. Knut und seine Mami. Aber die armen müssen ganz schlimm Angst haben, dass sie ertrinken, wenn die Eisscholle unter ihnen wegschmilzt. Mami, Mami, tu was. Wähl die ÖDP, die tun was für die Umwelt, und deren Plakate haben doch diesen orangen Rand (siehe auch Platz 5 auf dieser Liste).

Ja, äh, blöd nur, dass man damit den Urhebern dieses Plakats keinen Gefallen tut - oder vielmehr, dass sie sich mit diesem Motiv ins eigene Fleisch geschnitten haben. Eisbären als familienfreundliche Sympathieträger zu verwenden ist im Prinzip eine gute Idee, aber verbunden mit der Öko-Botschaft weicht die Partei damit von ihrer Kernaussage relativ weit ab. Zu allem Überfluss verwendet sie ein Layout, dass dem der Öko-Partei ÖDP sehr ähnlich ist. Das alleine würde schon für Platz 3 in dieser Liste reichen.
Als kleines Extra noch zwei Auszüge aus der Wikipedia zum Thema Eisbären: "Eisbären sind wie alle Bären Einzelgänger[...] Junge Eisbären laufen immer wieder Gefahr, von einem älteren männlichen Bären gefressen zu werden." - Genau das richtige Wappentier für eine Familienpartei also.

Platz 2 - PBC "Hände weg von Okkultismus"
Themaverfehlung! Sechs, setzen.
Wahlen sind eine tolle Werbemöglichkeit. Überall, wo es sonst nicht erlaubt ist, dürfen die Parteien auffallende Plakate anbringen, um für sich zu werben. Die Bedeutung der Wahl für die Demokratie übertrumpft damit die sonst gültigen Werbebeschränkungen, und es fallen auch keine hohen Kosten für die Buchung der verwendeten Flächen an. Ist eigentlich unser freundlicher Lebensmittel-Discounter an der Ecke nicht schon auf die Idee gekommen "Hey, Chef, wir gründen einfach die Schweinebauch-Partei und können dann zu jeder Wahl unsere Sonderangebots-Aktionen an jeder Ecke plakatieren?"
Wahrscheinlich ist den Kreativen in den Werbeagenturen diese Idee durchaus schon gekommen. Und sie haben die Finger davon gelassen, aus gutem Grund. Die Verbraucher sind kritisch, was Werbung angeht, und haben ein feines Gespür dafür, welche Form wo angebracht ist, und welche nicht. Wahlplakate müssen einen politischen Aufruf haben - "Wählt die XYZ" oder "Schickt Peter Mustermann nach Brüssel", oder zumindest ein politisches Programm vermitteln, etwa "Für mehr Steuern" oder "Gegen Arbeitslosigkeit".
Wahlplakate sollen keine Zigeunersteaks verkaufen und auch keine Lifestyle-Fragen behandeln. Dafür ist an anderer Stelle Gelegenheit. Die PBC wollte in einer Art missionarischem Eifer anscheinend die Gelegenheit nicht missen, ein völlig politikfremdes Anliegen in die Welt zu tragen. Damit stellt sie sich auf eine Stufe mit Hausbesuchen von Staubsaugervertretern, und wird von den Wählern vermutlich genauso behandelt.
Es stellt sich außerdem die Frage, wie groß das Publikum ist, dass man mit dem Thema Okkultismus erreichen kann. Für die 5-Prozent-Hürde wird es vielleicht nicht ganz reichen. Für Platz 2 in der Liste der schlechtesten Plakate durchaus.

Platz 1 - Bayernpartei "Kriminalität verbieten"
Manche Forderungen sind einfach blöd.

Straßenwerbung hat einen schweren Stand: sie muss schnell wirken. Nur Sekundenbruchteile kann sie hoffen, die Aufmerksamkeit eines Autofahrers zu erhalten, und in dieser Zeit muss sie ihre Botschaft rüberbringen. Kriminalität verbieten! Zack, so kurz und knackig kann es gehen.
Eine Ampel weiter denkt sich der so angesprochene immer noch, welche Bierdimpfeln da zur Wahl antreten. Kriminalität verbieten? Wollen die mich für dumm verkaufen? Wahrscheinlich erklärt sich dieser Quatsch im Kleingedruckten - aber weder hat er die Zeit noch die Lust, sich mit solchen Absurdität auseinander zu setzen.
Das ist schade, denn der weitere Text auf dem Plakat ist überaus witzig und zeigt, dass die Bayernpartei offenbar gar nicht ernst genommen werden will. Sie hat dieses Plakat offenbar zur sinnfreien Belustigung Aller aufgestellt hat. "Manche Forderungen sind einfach blöd." - q.e.d.
Platz 1 für dieses Werk, das vermutlich von angetrunkenen Studenten ersonnen wurde, die ihrer in Ehren ergrauten Splitterpartei ein neues Gesicht geben wollten. (Und die es etwa in Berlin mit anderen, durchaus witzigen Motiven versucht).

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